Nationalsozialistische ”Euthanasie“. Ausmaß und juristischer Umgang nach 1945 am Beispiel von Dr. Kurt Borm

Didaktischer Kommentar

 

Kranke und behinderte Menschen passten nicht in das Weltbild des ”gesunden“ nationalsozialistischen ”Volkskörpers“. In der Folge stand die sogenannte NS-”Euthanasie“. Mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs begannen die Morde, Kinder ließen dabei als erstes ihr Leben. Am Ende wurden auch Menschen anderer Bevölkerungsgruppen ermordet, z.B. arbeitsunfähige Zwangsarbeiter. Der NS-”Euthanasie“ fielen im Rahmen der sogenannten ”Aktion T4“ bis zum Sommer 1941 insgesamt rund 70 000 Menschen zum Opfer, in der anschließenden ”wilden Euthanasie“ starben ungefähr 50 000 Menschen.1
Hitler ermächtigte mit einem Schreiben vom Oktober 1939 – zurückdatiert auf den Kriegsbeginn am 1. September 1939, um angebliche Sachzwänge geltend zu machen – die Mediziner zum ”Euthanasie“- Mord. Ein entsprechendes Gesetz wurde hingegen nie erlassen. Die Morde lösten Proteste vor allem bei Kirchen und Juristen aus. Besonders bekannt sind dabei die Predigten des Bischofs Galen geworden.2 Ende 1941 wurde die ”Euthanasie“ offiziell gestoppt, im Geheimen lief sie gleichwohl weiter.
Der Mediziner Kurt Borm, seit 1940 SS-Obersturmführer, war ein Teil der Mordmaschinerie.3 In Sonnenstein/Pirna (Sachsen) und in Bernburg/Saale (Sachsen-Anhalt) beteiligte er sich als Mediziner an den Morden. Zum Ausmaß seiner Tätigkeit schrieb selbst das Frankfurter Schwurgericht, das ihn später freisprach: ”Der Angeklagte hat damit objektiv Beihilfe zur Tötung von mindestens 6.652 Geisteskranken geleistet.“4
Nach Kriegsende ging Kurt Borm nach Uetersen und versuchte dort, als Arzt neu anzufangen. Der Fall ist nicht ungewöhnlich: In Schleswig-Holstein tauchten nach 1945 mehrere Mitverantwortliche an der NS-"Euthanasie“ unter. Zu verweisen ist hier auf den bekannten Fall des Würzburger Ordinarius für Psychatrie und Neurologie, Werner Heyde, der ab 1950 unter dem Namen ”Fritz Sawade“ u.a. als Gutachter für das Landesentschädigungsamt tätig war.5 Er wurde dabei ebenso von der Landesregierung gedeckt wie Werner Catel, einer der Hauptverantwortlichen der NS-”Kindereuthanasie“, der nach 1945 Chef der Kieler Kinderklinik wurde.6
Die Fälle Heyde, Catel und Borm wurden alle publik und führten zur Absetzung der Ärzte. Auf den Fall Borm stieß der bekannte Frankfurter Generalstaatsanwalt Fritz Bauer im Rahmen seiner Ermittlungen. Im Juni 1962 wurde Borm schließlich in Uetersen verhaftet. Die Presse berichtete über den Fall, die Hamburger Boulevardzeitung ”Morgenpost“ sogar auf der ersten Seite. Das Titelblatt befindet sich als Kopiervorlage in diesem Buch und kann als Einstieg in den Unterricht verwendet werden. Hiermit kann nicht nur der inhaltliche Zugang zur Problematik der NS-”Euthanasie“ erfolgen, sondern zugleich kann der lokalgeschichtliche Zugriff motivierend wirken. Zudem bietet der Einstieg die Möglichkeit, dass die Schüler eigene Fragen entwickeln, die sich ggf. mit Hilfe der Quelle beantworten lassen.
Aus der vorliegenden Quelle M1 ist nicht nur zu erkennen, wie die NS-”Euthanasie“ in den Tötungsanstalten umgesetzt wurde und welches Ausmaß sie hatte, sondern vor allem, wie die bundesrepublikanische Justiz mit diesen Morden umgegangen ist. Kurt Borm wurde u.a. deswegen freigesprochen, da für ihn nicht erkennbar gewesen sei, dass es sich bei der ”NS-Euthanasie“ um ein unrechtmäßiges Vorgehen handle. Damit werden nicht nur kulturelle Grundsätze wie die Zehn Gebote ignoriert, sondern auch der Kommentar des Juristen Adolf Schönke zum Strafgesetzbuch aus dem Jahre 1944: ”Ein Recht auf Vernichtung lebensunwerten Lebens ist gesetzlich bisher nicht anerkannt.“7
Während bei den Aufgaben I und II lediglich die Problematik des Begriffes ”Euthanasie“ herausgearbeitet bzw. die Tätigkeit von Kurt Borm dargestellt werden soll, zielt Aufgabe III auf die Urteilsfähigkeit der Schüler. Unterrichtsversuche mit dem Material haben dabei gezeigt, dass sich einige wenige Schüler dem Urteil des Frankfurter Schwurgerichts anschließen. Diese unterschiedlichen Meinungen ließen sich nutzen, um Diskussionen in der Schülerschaft zu initiieren. Einsetzbar ist das Unterrichtsmaterial in den Sekundarstufen I und II.



Fußnoten:
1Ein kurzer Überblick zur NS-”Euthanasie“ findet sich bei Manfred Vasold, Medizin, in: Wolfgang Benz, Hermann Graml und Hermann Weiß, Enzyklopädie des Nationalsozialismus, München 1998, S. 245 ff.
2Zu Galen siehe: Joachim Kuropka (Hrsg.), Streitfall Galen, Clemens August Graf von Galen und der Nationalsozialismus, Studien und Dokumente, Münster 2007.
3Zu Borm siehe den Aufsatz von Wagma Hayatie in diesem Band.
4Urteilsschrift des Schwurgerichtes Frankfurt am Main vom 6. Juni 1972, Bundesarchiv, Außenstelle Ludwigsburg, B 162/14506, S. 2.
5Zu Werner Heyde siehe: Klaus-Detlev Godau-Schüttke, Wie Juristen und Mediziner den NS-Euthanasieprofessor Heyde nach 1945 deckten und straflos blieben, Baden- Baden 2010.
6Zu Werner Catel siehe: Hans-Christian Petersen und Sönke Zankel, ”Ein exzellenter Kinderarzt, wenn man von den Euthanasie-Dingen einmal absieht“ – Werner Catel und die Vergangenheitspolitik der Universität Kiel, in: Denselben und Hans-Werner Prahl (Hrsg.), Uni-Formierung des Geistes. Universität Kiel und der Nationalsozialismus, Bd. II, Kiel 2007, S. 133 – 178.
7Adolf Schönke, Strafgesetzbuch für das Deutsche Reich: Kommentar, München 1944, S. 445.


• Bildmaterial
• Quellen

Arbeitsaufträge:

1. Erläutere, warum der Begriff ”Euthanasie“ für die Beschreibung des Mordes an Kranken durch die Nationalsozialisten problematisch ist.
2. Beschreibe die Tätigkeit von Kurt Borm im Rahmen der NS- ”Euthanasie“.
3. Du bist ein Gerichtsreporter im Jahre 1962. Verfasse einen Kommentar für eine Tageszeitung zum Freispruch von Kurt Borm durch das Frankfurter Gericht.


 

M 1

Die ”Erwachsenen-Euthanasie“ wurde im nationalsozialistischen Machtbereich in der Zeit von Januar 1940 bis zum 24.8.1941 im Rahmen einer in allen Einzelheiten geplanten Aktion durchgeführt. Ihr fielen ein großer Teil, nämlich rund 70 000 der insgesamt ungefähr 300 000 geisteskranken Insassen der deutschen Heil- und Pflegeanstalten zum Opfer. [...]
Tatsächlich verdient diese Aktion die Bezeichnung ”Gnadentod“ oder ”Euthanasie“ nicht, wenn der letztgenannte Begriff in seinem eigentlichen, wörtlichen Sinne, als eines ”guten Todes“, nämlich Erleichterung des Sterbens Schwerkranker, die unter unerträglichen Schmerzen leiden, verstanden wird. Wie sich aus den Ausführungen des Sachverständigen Prof. Dr. Bleuer ergibt, litten die in die Aktion einbezogenen Kranken keine Schmerzen, waren weit überwiegend nicht sterbenskrank und wünschten auch nicht den Tod.
Hinter diesen mehr als Vorwand gebrauchten Begriffen verbarg sich eine systematische, letztlich auf reinen Nützlichkeitserwägungen beruhende Massenvernichtung schwer chronisch geisteskranker Menschen [. . . ]. Der Angeklagte [Kurt Borm] erhielt [...] den Auftrag, sich in der Euthanasie- Anstalt Sonnenstein1 [...] zu melden. [...] Nachdem die erforderlichen Umbauarbeiten vorgenommen waren, wie Einbau der Gaskammer und der Verbrennungsanlage, wurde Sonnenstein im Juni 1940 in Betrieb genommen. [...]
Spätestens Mitte Januar 1941 trafen erstmals wieder Omnibustransporte mit Geisteskranken in Sonnenstein ein. [...] Im Januar 1941 wurden in Sonnenstein 365 Geisteskranke und im Februar 1941 608 Patienten in der Gaskammer getötet. [...] Nach dem Eintreffen eines Krankentransportes begann die Tätigkeit des Angeklagten. Bei der Vorführung der Kranken saß er zusammen mit dem Anstaltsleiter und wie dieser bekleidet mit einem weißen Kittel, ferner mit Angehörigen der Büroabteilung an einem Tisch, an welchem die Kranken vorbeigeführt oder vorbeigetragen wurden. Hierbei lagen die jeweiligen Krankenakten der Patienten [...] vor. Während die Patienten vorbei zogen, wirkte der Angeklagte bei deren Identifizierung und der Auswahl einer fingierten2, für den einzelnen Kranken aber passenden, den Angehörigen später mitzuteilenden natürlichen Todesursachen mit und war auch bei der Führung der Korrespondenz mit den Angehörigen der Getöteten, insbesondere auch bei der Unterzeichnung der sogenannten ”Trostbriefe“ (in Bernburg mit dem Decknamen ”Dr. Storm“) mit herangezogen. [...] Die Kenntnis der Heimtücke3 der Haupttäter als eines tatstandsbezogenen Merkmals würde für den Gehilfen die volle Strafandrohung wegen Beihilfe zum Mord zur Folge haben, ohne dass dieser selbst heimtückisch gehandelt zu haben brauchte. Indessen sind dem Angeklagten weder diese Kenntnis noch eigenes heimtückisches Handeln nachzuweisen. [...]
Der Angeklagte hat jedoch im Rahmen der objektiv geleisteten Beihilfe zur Massenvernichtung der Geisteskranken nicht nachweisbar schuldhaft gehandelt. Es fehlte ihm [...] unwiderlegbar das Bewusstsein der Rechtswidrigkeit. Er hat das ”Unerlaubte“ seines Tuns nicht erkannt. Es kommt bei der Anwendung der beherrschenden Schuldtheorie entscheidend darauf an, ob er bei der ihm nach seinen persönlichen Verhältnissen zumutbaren Anspannung seines Gewissens hätte erkennen können, dass sein Handeln die Strafgesetze verletzte. [...]
Im übrigen ist der Angeklagte von seiner Wesensart ein unkomplizierter Typ, der über ein ihm befohlenes oder angewiesenes Tun keine tiefschürfenden Überlegungen anstellt und zu intensiver Gewissensanspannung neigt, ob dieses Tun etwa verbotswidrig sein könnte. Bei der sich nach alledem ergebenden Einsichtsmöglichkeit kann nicht gesagt werden, der Angeklagte habe in den Jahren 1940/41 bereits den erforderlichen Überblick gehabt, um aus der bisherigen Entwicklung den Schluss zu ziehen, das nationalsozialistische Regime sei insgesamt verbrecherisch. Was er bis dahin an nationalsozialistischem Unrecht miterlebt hatte, war [...] nachträglich legalisiert worden oder wie der Beginn der illegalen Verfolgungsmaßnahmen gegen die Juden von seinem Standpunkt des daran unbeteiligten Betrachters aus noch nicht derart, dass sich ihm die Erkenntnis hätte aufdrängen müssen, das nationalsozialistische Regime sei imstande, ganze Gruppen der deutschen Bevölkerung massenweise zu ermorden. [...] Da die bis zum Abbruch der Aktion vernichteten Geisteskranken unter der Zahl 75 000 blieben, hätte der Angeklagte – auch wenn ihm das bis dahin bestehende Ausmaß der Gesamtaktion bekannt gewesen wäre – nicht schon wegen der großen Zahl der Getöteten Bedenken haben müssen.



Fußnoten:
1Sonnenstein liegt im heutigen Sachsen.
2fingiert: vorgetäuscht
3Heimtücke: hinterlistige Bösartigkeit


 

M 2

Ich [möchte] nochmals betonen, dass auf Befehl von Brack und Heyde nur die Ärzte die Gaszufuhr bedienen durften. Wenn während meiner häufigen Abwesenheit Transporte anfielen, so mussten die mir unterstellten Ärzte an meiner Stelle das Gas bedienen. In Sonnenstein waren es Dr. Borm und Dr. Endruweit. Da Dr. Endruweit noch sehr jung und weich war, haben wir ihn weitgehend geschont, so dass ich mir vorstellen könnte, dass während meiner Abwesenheit vorwiegend Dr. Borm das Gas bediente. Ich glaube mich daran zu entsinnen, dass in einem Fall mir Dr. Borm sogar berichtet hat, dass er Dr. Endruweit verschont habe, die Gaszufuhr zu bedienen.

Inhaltsverzeichnis
I. Didaktik
II. Texte