Antijüdische Indoktrination in den ”Uetersener Nachrichten“ zur Zeit des Nationalsozialismus

Didaktische und methodische Überlegungen

 

In der Vorstellung von Joseph Goebbels war die Presse ”ein Klavier [. . . ], auf dem die Regierung spielen kann.“1 Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurden dementsprechend Verleger, Journalisten, Nachrichtenagenturen und Tageszeitungen systematisch gleichgeschaltet, kontrolliert sowie parteipolitisch und ideologisch instrumentalisiert.2 Auch die ”Uetersener Nachrichten“ entwickelten sich zu einem Nachrichtenblatt mit eindeutig nationalsozialistischer Ausrichtung.3 Der vorliegende Artikel vom 23. August 1937 veranschaulicht die in den ”Uetersener Nachrichten“ zur Zeit des Nationalsozialismus transportierte antijüdische Propaganda.4 Es handelt sich um einen Beitrag, der überregionale Nachrichten enthält. Der damals verantwortliche Hauptschriftleiter Emil Buchholz dürfte den Artikel mit großer Wahrscheinlichkeit vom Deutschen Nachrichtenbüro (DNB), eine unter der Kontrolle des NS-Regimes stehende Nachrichtenagentur, erhalten haben.5
Der Artikel geht von der allgemeinen Feststellung aus, dass Einkäufe deutscher Volksgenossen bei Juden unziemlich seien. Im Folgenden wird von einem jüdischen Geschäftsmann berichtet, der mit seiner Klage gegen einen deutschen Volksgenossen, dessen Ehefrau dem Kläger Geld schulde, scheiterte: Das Gericht entband den Angeklagten von seiner Haftung, da der Kläger Jude sei. Im Anschluss folgt eine zusammenfassende Darstellung eines weiteren Urteils, nach welchem ein Bürgermeister aus seinem Dienst entlassen wurde, weil er geschäftlichen Verkehr mit einem Juden gepflegt hatte. Abschließend warnt der Artikel indirekt alle Volksgenossen vor dem Einkauf in jüdischen Geschäften.
Schülerinnen und Schüler erhalten durch die Arbeit mit dieser Quelle einen Einblick in die suggestive Berichterstattung einer nationalsozialistisch geprägten lokalen Tageszeitung der damaligen Zeit. Die Lernenden werden zudem mit zwei Gerichtsurteilen konfrontiert, welche einen Einblick geben in die Judendiskriminierung während der Zeit des Nationalsozialismus.
Als Unterrichtseinstieg könnten die oben zitierten Worte Joseph Goebbels dienen, deutet das Zitat doch an, dass die Medien im ”3. Reich“ für die suggestiven Zwecke des NS-Regimes instrumentalisiert wurden.
Die vorliegende Quelle eignet sich für den Einsatz in beiden Sekundarstufen. Die vorgeschlagenen Arbeitsaufträge ermöglichen sowohl einen analytischen als auch einen kreativen Zugang. Die Bearbeitung von Aufgabe 1 soll dazu beitragen, ein Grundverständnis für die Inhalte des vorliegenden Artikels und dessen suggestiven Aufbau herzustellen: Der Beitrag geht von dem vermeintlichen Axiom aus, dass sich das Einkaufen bei Juden für deutsche Volksgenossen nicht gehöre, welches anschließend dann doch durch zwei Gerichtsurteile ”bewiesen“ wird. In Aufgabe 2 sollen die Schüler die mentale Disposition von damaligen Lesern rekonstruieren und dadurch die (potentiell) suggestive Wirkung des Artikels erkennen. Bei Aufgabe 3 sind die Schülerinnen und Schüler angehalten, die judenfeindliche und indoktrinierende Art des vorliegenden Artikels herauszuarbeiten. Des Weiteren kann – und sollte – es in dem Zeitungsartikel der Schülerinnen und Schüler auch zu einer kritischen Bewertung der thematisierten Gerichtsurteile kommen. Für den dritten Arbeitsauftrag wäre es – idealerweise – wünschenswert, wenn die Lernenden bereits über Kenntnisse hinsichtlich der Textsorte des Zeitungsartikels verfügten.
 

Fußnoten:
1Zitiert nach: Faulstich, Werner: Mediengeschichte von 1700 bis ins 3. Jahrtausend, Göttingen 2006, S. 125.
2Einen Überblick zur nationalsozialistischen Medienpolitik liefern Frei, Norbert und Schmitz, Johannes: Journalismus im 3. Reich, München 1999, S. 20-38.
3Vgl. hierzu: Chaim-Lev, Daliah und Schubert, Christina: Die Uetersener Nachrichten – eine nationalsozialistsiche Zeitung? In: Zankel, Sönke (Hrsg.): Uetersen im Nationalsozialismus. Schüler der Ludwig-Meyn-Schule erforschen die Geschichte ihrer Stadt, Kiel 2009, S. 87-103.
4Zu antijüdischen Inhalten in den Uetersener Nachrichten zur NS-Zeit vgl. Reusch, Tobias: ”Der Jude“ in den Uetersener Nachrichten auf S. 71 in diesem Band.
5Vgl. hierzu: Chaim-Lev und Schubert, S. 91.

Arbeitsaufträge:

1. Nenne die zentrale Aussage des Artikels und erkläre, auf welche Weise diese Aussage vermittelt wird.
2. Stellt euch vor, zwei Uetersener Bürger der damaligen Zeit hätten den vorliegenden Artikel gelesen. Verfasst in Partnerarbeit einen Dialog, in welchem sich die beiden Deutschen über den Inhalt des Beitrags unterhalten. Geht in eurem Dialog vor allem auf die Wirkung ein, die der Artikel auf die Gespr¨achspartner gehabt haben könnte.
3. Du lebst im Jahre 1937 und arbeitest als Redakteur bei einer deutschsprachigen Tageszeitung im Ausland. Du bist seit jeher ein Gegner des NS-Regimes und als Du den vorliegenden Artikel liest, bist Du empört. Schreibe einen Zeitungsartikel, in welchem Du Dich kritisch mit dem Beitrag aus den ”Uetersener Nachrichten“ auseinandersetzt.

 

Montag, den 23. August 1937 – 51. Jahrgang – Nummer 195

Uetersener Nachrichten

Einkäufe in jüdischen Geschäften und ihre Folgen

Es ist einleuchtend, daß Einkäufe der Ehefrau eines deutschen Volksgenossen in jüdischen Geschäften nicht allein in der Familie die schwersten Auseinandersetzungen hervorrufen können, auch in staatspolitischer Hinsicht sind die ernstesten Folgen möglich [...]. Denn heute hat sich bereits allgemein die Erkenntnis durchgesetzt,

daß es sich für einen deutschen Volksgenossen nicht ziemt, bei Juden zu kaufen.

Dieser Volksauffassung hat auch die Rechtsprechung unserer Gerichte Rechnung zu tragen. Eine Entscheidung, die letzthin auf diesem Gebiete ergangen ist, verdient wegen ihrer grundsätzlichen Bedeutung besonderer Hervorhebung.
Die Ehefrau eines Parteigenossen hatte bei einem Juden Einkäufe für den täglichen Haushalt [...] getätigt. Da die Ehefrau den Kaufpreis nicht voll entrichtet hatte, nahm der jüdische Geschäftsmann nach 1357 BGB den Ehemann auf Zahlung des Restkaufpreises in Anspruch. Der Ehemann verweigerte die Bezahlung der Restschuld, da es ihm als Parteigenossen nicht zugemutet werden könne, für häusliche Geschäfte seiner Ehefrau in einem jüdischen Geschäft, die gegen seinen Willen geschehen seien, einzustehen.
Die daraufhin von dem jüdischen Geschäftsmann gegen den Ehemann eingereichte Klage hat das Amtsgericht Remscheid abgewiesen. Zur Begründung führt das Gericht im einzelnen aus: Ende 1934 und Anfang 1935, als die Waren von der Ehefrau des Beklagten gekauft wurden, hätte sich bereits allgemein die Erkenntnis durchgesetzt, daß es sich für einen deutschen Volksgenossen nicht gezieme, bei Juden zu kaufen. Eine Bindung eines deutschen Ehemannes an einen solchen Vertrag müsse [. . . ] für ihn als unzumutbar angesehen werden. Unter diesen Umständen könnten deshalb die von der Frau getätigten Kaufverträge gegenüber dem deutschblütigen Ehemann keine Rechtswirkung im Rahmen des Paragraph 1357 BGB haben. Die Person des Vertragsgegners schließe hier im Regelfalle diese weitgehende Bindung aus.

Das Urteil stellt also klar heraus, daß Käufe deutscher Volksgenossen in jüdischen Geschäften allgemein als verwerflich betrachtet werden müßten,

gleichgültig, ob der Käufer Angehöriger der NSDAP sei oder nicht. In diesem Zusammenhange ist ein Urteil des Badischen Verwaltungsgerichtshofes [...] von besonderem Interesse, durch das der Bürgermeister einer mittelbadischen Landgemeinde, der geschäftlichen Verkehr mit einem jüdischen Viehhändler gepflogen hatte, mit Dienstentlassung bestraft worden ist. [...] Nach der deutschen Gemeindeordnung sei der Bürgermeister der Leiter der Gemeinde und werde durch das Vertrauen von Partei und Staat in sein Amt berufen. Er werde damit aber auch zugleich der Repräsentant der nationalsozialistischen Weltanschauung in seiner Gemeinde.
Das Urteil [...] ist deshalb von so weitreichender Bedeutung, als zum ersten Male

für den Verkehr mit Juden die Dienstentlassung eines Beamtenausgesprochen wird,

eine Entscheidung, die unter gewissen Einschränkungen für alle Beamten von grundsätzlicher Bedeutung sein wird.
Jeder Volksgenosse wird sich daher auch bei dem kleinsten Einkauf des täglichen Lebens zu fragen haben, ob er ihn vor der Volksgemeinschaft, vor seiner Familie wie auch vor sich selbst verantworten kann.

Inhaltsverzeichnis
I. Didaktik
II. Texte