Nationalsozialistische Einflussnahme auf die Schülerinnen und Schüler am Beispiel einer Rede von Hinrich Apfeld (Schulleiter der Ludwig-Meyn- Schule von 1934-1945) vom März 1943

Didaktische Überlegungen

 

Die Schule ist für die Jugendlichen ein wichtiger Bezugspunkt: Zahlreiche Stunden ihres Lebens verbringen sie dort. Die vorliegenden Materialien stellen einen möglichen Weg dar, den heutigen Lernenden einen Teil der "großen Geschichte" nahezubringen, indem sie sich der (Schul-) Geschichte ihres Ortes zuwenden.1
Die Feier der "Verpflichtung der Jugend" stellte ab dem Jahre 1942 den Ersatz u.a. für die traditionellen Jugendfeiern, wie z.B. auch für die Konfirmation, dar. Damit sollten alle 14-jährigen Deutschen erfasst werden, um vor allem deren Lebenswende feierlich zu betonen und sie auf "Führer und Reich" zu verpflichten.2 Großen Wert wurde dabei auch auf die Teilnahme der Eltern gelegt. Die vorliegende Quelle bezieht sich auf die Verpflichtungsfeier in Uetersen im März 1943. Wie der örtlichen Zeitung zu entnehmen ist, waren die Eltern "zahlreich" anwesend.3 Oft wurde die Feier auch anlässlich der Entlassung aus der Volksschule begangen. Dies war bei der Feier im Jahre 1943 ebenfalls der Fall.
Apfeld erwähnt einige Punkte, die gemeinhin zu den Pfeilern einer "nationalsozialistischen Ideologie" gezählt werden - obwohl von einer geschlossenen Ideologie nicht gesprochen werden sollte. Als erstes ist dabei der rassistische Gedanke zu nennen ("Reinhaltung des Bluts") und als zweites das "Führerprinzip". Damit ist es möglich, sich über einen lokalgeschichtlichen Zugang den ideologischen Ideen des Nationalsozialismus zu nähern. Zentral ist darüber hinaus der Begriff Pflicht, der mehrfach erwähnt wird. Dabei wird die Pflicht des Einzelnen inhaltlich deutlich gemacht: Er solle sich in die "Volksgemeinschaft" eingliedern und sich für den nationalsozialistischen Staat einsetzen.
Als Unterrichtseinstieg kann das beiliegende Bild mit dem Appell vor dem Schulleiter Hinrich Apfeld dienen, der einerseits das "Führerprinzip" zumindest andeutet und andererseits die Betonung des Körpers verdeutlicht. Alternativ kann als Unterrichtseinstieg auch das Bild vom Schulfest der Ludwig-Meyn-Schule im Jahre 1936 dienen, das die Bedeutung der Schusswaffen in der damaligen Zeit aufzeigt.
Die vorliegenden Materialien können sowohl in der Sekundarstufe I als auch in der Sekundarstufe II eingesetzt werden. Die Arbeitsaufträge sind als Möglichkeiten zu verstehen, von denen eine oder mehrere - entsprechend der jeweiligen Lerngruppe - ausgewählt werden können. Bei Aufgabe vier sind Kenntnisse über die Hitlerjugend vorauszusetzen.

Fußnoten:
1Dies sieht der Lehrplan des Landes Schleswig-Holstein für das Fach Geschichte vor: Die Regionalgeschichte sei Anschauungsfeld für die überregionale Geschichte und könne eine Vermittlerrolle zwischen der Geschichte des "kleinen Raumes" und der nationalen Geschichte spielen. Vgl. Ministerium für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes Schleswig-Holstein, Lehrplan für die Sekundarstufe I der weiterführenden allgemeinbildenden Schulen Hauptschule, Realschule, Gymnasium, Geschichte, Kiel 1997, S. 20.
2Vgl. Döhnert, Albrecht, Die Jugendweihe, in: Francois, Etienne und Schulze, Hagen (Hrsg.), Deutsche Erinnerungsorte 3, Bd. III, München 2001, S. 352.
3Vgl. Uetersener Nachrichten, 29. März 1943.

• Quellen

Arbeitsaufträge

1. Arbeite heraus, welche Rolle der Einzelne im nationalsozialistischen Staat nach Meinung von Hinrich Apfeld spielt!
2. Zeige in einem Schaubild, wer nach Verständnis des Autors zur nationalsozialistischen Gemeinschaft gehört und wer nicht!
3. Stelle dar, was die Jugendlichen an den Inhalten der Rede Hinrich Apfelds angezogen haben könnte!
4. Ihr seid Schülerinnen bzw. Schüler in der damaligen Zeit, hört diese Rede und sitzt danach zusammen. Verfasst in Partnerarbeit einen Dialog, in dem ihr eure Meinung über die Rede Apfelds austauscht. Einer vertritt dabei ein überzeugtes Mitglied der Hitlerjugend, der andere steht der Hitlerjugend kritisch gegenüber.

 

Rede von Hinrich Apfeld, Schulleiter der Ludwig-Meyn-Schule, anlässlich der Feier der "Verpflichtung der Jugend" im März 1943

Ihr habt in diesen Jahren einen Einblick bekommen in die große und ruhmreiche Geschichte eures Volkes, habt von den Taten eurer Vorfahren und von dem Schaffen eurer Ahnen gehört, und es ist euch zur Gewissheit geworden, dass die Reinhaltung des Blutes die heilige Verpflichtung für jeden Deutschen ist. Ihr habt euch in den acht Jahren redlich bemüht, die Forderungen der Schule zu erfüllen, und so werdet ihr heute aus der Schule entlassen, und im Rahmen der Schule gebe ich euch das Wort des Führers mit auf euren Lebensweg:

"Nichts, was groß ist auf dieser Welt, ist den Menschen geschenkt worden. Alles muss bitter schwer erkämpft werden."

[...] Im ganzen Reich ist zu dieser Stunde die ganze deutsche Jugend aufgeboten und vor die Fahne der Freiheit getreten, die der Führer in der Zeit des Tiefstandes dem deutschen Volk als leuchtendes Zeichen der Freiheit schenkte. Unter dieser Fahne ließen tausende eurer Väter und Brüder ihr Leben, diese Fahne wehte als Zeichen des Sieges in Warschau, in Versailles, auf dem Olymp, in Sewastopol1, in Afrika und überall dort, wo deutsche Soldaten ihren Siegeszug durchführten. Ihr werdet nun unter dieser Fahne verpflichtet und sagt: "Ich verspreche, allezeit meine Pflicht zu tun in Liebe und Treue zum Führer und zu unserer Fahne." Ihr müsst euch in dieser feierlichen Stunde klar darüber werden, was es heißt, seine Pflicht zu tun. Denkt an den Arbeiter, der irgendwo in einer Fabrik, in einem Bergwerk von morgens bis abends schafft und werkt, denkt an den Bauer, der vom frühen Morgen bis zum späten Abend seinen Boden in harter Arbeit bebaut, und denkt an eure Mutter, die tagaus tagein von früh bis spät im Hause für euch emsig und fleißig ist, und denkt an die Soldaten, die ihre Pflicht tun bis zum Tode. Sie alle und all die vielen anderen Menschen tun ihre Pflicht, jeder in seinem ihm gewordenen Wirkungskreis. Lasst euch nie von den Laxen und Lauen, von den Schwächlingen und Faulen abhalten, eure Pflicht zu tun, denn nur der Mensch hat den Segen Gottes zu erwarten, der strebend sich bemüht, seine Pflicht zu erfüllen. Hinter dieser Pflicht lodert das Feuer der Freiheit."

Inhaltsverzeichnis
I. Didaktik
II. Texte