Die Zeugen Jehovas in Uetersen zur Zeit des Nationalsozialismus

Didaktische Überlegungen


Ungefähr 1 200 deutsche Zeugen Jehovas wurden unter der nationalsozialistischen Herrschaft ermordet, 10 000 wurden inhaftiert, 2 000 davon in Konzentrationslagern. Zieht man hierzu die Gesamtzahl der deutschen Zeugen Jehovas heran, die sich zu Beginn der NS-Herrschaft zu ihrem Glauben bekannten (25 000 bis 30 000), dann wird das Ausmaß ihrer Verfolgung deutlich.1
Der nationalsozialistische Staat empfand die Glaubensgemeinschaft als Bedrohung, in deren Folge Verbote und Verfolgung standen. Ein nicht unerheblicher Teil beugte sich diesen staatlichen Sanktionen, zugleich ließen sich mehr als 10 000 Zeugen Jehovas nicht beirren und setzten ihren "Verkündigungsdienst" fort. 1935/36 protestierten sie sogar mit einer Flugblattkampagne gegen die Einschränkung ihrer Glaubensfreiheit und versuchten der Bevölkerung den verbrecherischen Charakter des NS-Regimes aufzuzeigen.2
In der Form ihrer illegalen Arbeit unterschieden sie sich wenig von den politischen Widerstandsgruppen. Ihr strenger Glaube wirkte sich dabei - trotz der recht hohen Zahl, die sich abwendete - auch verstärkend auf den Zusammenhalt der Gruppe aus.3
In Uetersen war vor allem die Zeugin Jehovas Wilhelmine Nickel aktiv. Sie verbreitete Flugschriften, wurde verhaftet, verhört und zu einer mehrmonatigen Gefängnisstrafe verurteilt.4 Anhand des Vernehmungsprotokolls vom 12. März 1936 lässt sich mit den Schülerinnen und Schülern beispielhaft das Verhalten vieler Zeugen Jehovas im Nationalsozialismus herausarbeiten. Wilhelmine Nickel verhielt sich gegenüber ihren Glaubensschwestern und Glaubensbrüdern loyal, verriet keine Namen. Ebenso standhaft hielt sie an ihrem Glauben fest. Während Nickel im ersten Teil der Vernehmung nicht auf die Frage antwortete, ob sie Schriften der Zeugen Jehovas verbreitet habe, machte sie nachträglich hierzu andere Angaben: Anscheinend hatte sie das Gefühl erfasst, mit einer solchen Aussage möglicherweise ihren Gott zu verleugnen. Somit belastete sie sich selbst, um treu im Glauben zu bleiben. Gleichwohl ist auch eine andere Deutung möglich: Möglicherweise Übte der vernehmende Beamte vor dem dritten Teil des Verhörs auch Druck auf Wilhelmine Nickel aus, so dass sie daraufhin ein Teilgeständnis ablegte. Als Unterrichtseinstieg können die beiden Karikaturen dienen, die von den Zeugen Jehovas 1936 ("The Golden Age") und 1939 ("Faschismus oder Freiheit") in Deutschland verbreitet wurden. Die Aufgaben für die beiliegenden Quellen bieten verschiedene Bearbeitungsmöglichkeiten, die an die jeweilige Lerngruppe angepasst werden können. Zum einen ist ein analytischer Zugang zum Verhalten von Wilhelmine Nickel möglich, zum anderen werden Vorschläge für eine kreativere Herangehensweise unterbreitet. Die vorliegenden Materialien können sowohl in der Sekundarstufe I als auch in der Sekundarstufe II eingesetzt werden, die Arbeitsaufträge sind dementsprechend auszuwählen. Auch bietet sich ein fächerübergreifendes Arbeiten mit dem Fach Religion an. Hierbei kann insbesondere auch Raum für eine kritische Beleuchtung der Zeugen Jehovas in der Gegenwart gegeben werden.

Fußnoten:
1Ein kurzer Überblick über die Zeugen Jehovas im Nationalsozialismus ist zu fnden bei: Garbe, Detlef, Zeugen Jehovas, in: Benz, Wolfgang und Pehler, Walter H., Lexikon des deutschen Widerstands, Frankfurt am Main 1994, S. 321-325 und: Mehringer, Hartmut, Widerstand und Emigration. Das NS-Regime und seine Gegner, München 1997, S. 100-107 und S. 236-238.
2Vgl. Garbe, S. 323.
3Vgl. Mehringer, S. 102.
4Zu Wilhelme Nickel siehe den Beitrag von Linda Büscher in diesem Band: "Wenn ich Nächstenliebe ausüben will, darf ich meinen Mitmenschen nicht schaden." Die Zeugen Jehovas zur Zeit des Nationalsozialismus in Uetersen.

• Quellen

Verhör einer Uetersener Zeugin Jehovas zur Zeit des Nationalsozialismus

Arbeitsaufträge:

1. Arbeite heraus, wie sich Wilhelmine Nickel im Verhör gegenüber den anderen Zeugen Jehovas und (ihrem) Gott verhält!
2. Im dritten Teil des Verhörs ändert Wilhelmine Nickel ihre Aussage. Welche Gründe nennt sie und was könnte noch zu ihrem späten Geständnis geführt haben?
3. Du bist Journalist und triffst Wilhelmine Nickel nach dem Zweiten Weltkrieg. Verfasse in Partnerarbeit ein Interview mit ihr über ihre Erlebnisse im NS-Staat!
4. Du befndest dich im Jahre 1950 und hast das Vernehmungsprotokoll von Wilhelmine Nickel gelesen. Verfasse einen Brief an sie, in dem du ihr mitteilst, was du von ihrem Verhalten gegenüber dem NS-Staat hältst.

• Material

Inhaltsverzeichnis
I. Didaktik
II. Texte