Zwangsarbeit im NS-Staat

Der Einsatz von Zwangsarbeitern im Nationalsozialismus war bereits vor Kriegsbeginn ein wichtiger Bestandteil der deutschen Kriegsstrategie. Im April 1944 waren dann 3.631.000 „Zivilarbeiter“ aus den unterschiedlichsten - zumeist von Deutschland besetzten – Ländern in der Landwirtschaft, aber auch in der Kriegsindustrie eingesetzt. Die Nationalsozialisten sahen es als selbstverständlich an, dass die unterworfenen Völker ihren Teil zur deutschen Wirtschaft beizutragen hatten. Dies galt insbesondere für die rassenideologisch ohnehin „minderwertigen“ Völker Osteuropas. Zwar war in den ersten Monaten der deutschen Besatzung in Polen und Russland eine gewisse Freiwilligkeit bei Anwerbung der Arbeiter zum Arbeitsdienst gewahrt worden, doch schon bald gingen die „Anwerber“ immer gewaltsamer vor. Auch der Umgang mit den Zwangsarbeitern wurde grausamer. Waren zunächst nur Männer zur Arbeit gezwungen worden, so dauerte es nicht lange, bis auch Frauen und Kinder für die deutsche Wirtschaft ausgebeutet wurden.

Da die „Ausrottung der minderwertigen Ostvölker“ ein Teil der „Lebensraumerweiterung“ der Nationalsozialisten war, sorgte sich niemand besonders um das Wohlergehen der Zwangsarbeiter. Viele kamen nach ihrem Transport aus der Heimat in Deutschland völlig verhungert und krank an, wenn sie denn überhaupt überlebten. Die Zwangsarbeit kann also zusammen mit dem Schoa und der „Euthanasie“ als ein Teil des nationalsozialistischen Genozids betrachtet werden.

Zwangsarbeit in Uetersen

Im Buch „Verschleppt zur Sklavenarbeit, Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter in Schleswig-Holstein“ herausgegeben von Gerhard Hoch und Rolf Schwarz im Jahr 1985 wird gerade das Schicksal vieler Zwangsarbeiter in unserer Umgebung beleuchtet. Dort findet sich auch eine Tabelle über Zwangsarbeiter in Uetersen, die im Folgenden vorgestellt und erläutert wird.

 

Zur Erläuterung der Tabelle: Dort sind einige Firmen, Fabriken und Unternehmen aufgeführt, die in Uetersen Zwangsarbeiter beschäftigten. Was genau sich damals dort ereignet hat und zu welcher Arbeit die Menschen herangezogen wurden, konnte bisher nicht rekonstruiert werden. Neben dem Ort wird in der oben gezeigten Übersicht auch deutlich, ob es sich um ein Kriegsgefangenenlager (Kdo.) oder um ein Zwangsarbeiterlager handelt. Allerdings muss man hierbei berücksichtigen, dass sich ein Kriegsgefangenenlager im Laufe der Zeit in ein Zwangsarbeiterlager verwandeln konnte. Manchmal befanden sich Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter auch im selben Lager. Dann ist der Vermerk „auch Kgf.“ hinzugefügt worden.

In der folgenden Spalte ist ein „B“ eingefügt, wenn sich beim Lager eine Baracke als Unterkunft befand. Die Spalte mit Belegplätzen gibt die mögliche Anzahl an Plätzen an. Daher ist diese Zahl nur eine grober Richtwert, um einschätzen zu können, wie viele Zwangsarbeiter hier ungefähr waren. Eine genauere Angabe sind dagegen die Zahlen mit „B.“ in manchen Zeilen. Diese geben die genaue Anzahl der Beschäftigten an. Rechnet man diese Zahlen zusammen, kommt man zu dem Ergebnis, dass in Uetersen in den genannten Betrieben bis zu ca. 1700 Zwangsarbeiter gearbeitet haben können.
Die folgende Spalte zeigt die Nationalitäten der Insassen an, was sich in diesem Fall auf Jugoslaven, Franzosen, Polen und Sowjetbürger beschränkt. In anderen Lagern waren auch Belgier, Tschechen, Deutsche, Dänen, Engländer, Italiener, Niederländer oder Ungarn inhaftiert.
Durch das Kreuz in der ersten Zeile wird deutlich, dass in Uetersen generell Gräber für Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene oder andere Ausländer existierten, für wie viele Personen und wo genau, konnte bisher rekonstruiert werden.
Die Abkürzung „RBK“ vor manchen Unternehmen gibt an, dass diese in der Reichsbetriebskartei geführt wurden. Diese Kartei verzeichnete die Firmen, die rüstungs- oder kriegswirtschaftlich besonders wichtig waren. In Uetersen traf das auf dies auf die „Fa. Hetlapa Maschinenfabrik“, „Christian Testorf Militär-Blanklederfabrik“, „Pinnauwerke GmbH“ sowie die „Messap Deutsche Meßapparat GmbH“ zu. Bei diesen Unternehmen werden in der Tabelle auch die jeweiligen Produkte oder Arbeiten aufgeführt.

Inhaltsverzeichnis
I. Zwangsarbeit im NS-Staat
II. Zwangsarbeit in Uetersen