Die NS-„Euthanasie“

Der Begriff „Euthanasie“ bedeutet eigentlich so viel wie „schöner leichter Tod“. Die Nationalsozialisten verwendeten diesen Begriff verharmlosend für die systematische Ermordung sogenannter „nutzloser Esser“. Als solche galten im Nationalsozialismus all diejenigen Menschen, von denen sich die NS-Verantwortlichen keinen Nutzen versprachen und die sie als eine finanzielle Belastung ansahen. Zu dieser Gruppe von Menschen zählte das NS-Regime körperlich behinderte, geistig kranke Kinder und Erwachsene sowie „arbeitsunfähige“ Menschen. Bei der Ermordung der unerwünschten Menschen spielte auch die „Rassenhygiene“ eine wesentliche Rolle, die eine „Herrenrasse“ und eine „minderwertige Rasse“ propagierte.
Die Vernichtung der „nutzlosen Esser“ im großen Umfang begann nach dem Überfall auf Polen im Jahr 1939 und wurde von den NS-Verantwortlichen als eine wichtige Kriegsmaßnahme betrachtet. Die „Euthanasie“ wurde von ihrer Zentrale aus, die sich in der Tiergartenstraße 4 in Berlin befand, als „geheime Reichsache“ gesteuert. Deshalb wird die NS-„Euthanasie“ auch als „Aktion T 4“ bezeichnet. An der Umsetzung und der Geheimhaltung der „Aktion T 4“ waren viele Schein-Institutionen und Personen beteiligt. So entschieden beispielsweise Ärzte über Leben und Tod der „Patienten“, ohne diese jemals selbst gesehen zu haben. Die „nutzlosen Esser“ wurden zunächst durch überdosierte Medikamente, Spritzen oder Nahrungsentzug getötet. Ab 1940 wurden die „Patienten“ in den Tötungsanstalten vergast und anschließend verbrannt.
Trotz der vielen Maßnahmen zur Verhüllung der „Aktion T 4“ kam die Wahrheit ans Licht. Um die zunehmenden Proteste aus der Bevölkerung wieder im Keim ersticken zu lassen, propagierte Hitler im August 1941 das Ende der „Euthanasie“. Insgeheim verlief die „Aktion T 4“ jedoch weiter, dem bis zum Kriegsende im Jahr 1945 noch tausende von Menschen zum Opfer fielen.

Borms NS-Vergangenheit

Kurt Borm kam im Jahr 1909 als Sohn des Stadtamtsrates und Leiters des Wohlfahrtsamtes, Gustav Borm, in Berlin Lichtenberg zur Welt. Nach dem Besuch der Volksschule und des Realgymnasiums studierte Borm von 1929 bis 1937 in Rostock und Berlin Medizin.
Bereits drei Jahre vor der „Machtergreifung“ trat Borm im Alter von 21 Jahren der NSDAP bei. Weitere Mitgliedschaften in den SS-Gliederungen folgten. Durch seine Profilierung in den SS-Verbänden erreichte Borm zunächst den Dienstgrad eines SS-Obersturmführers. Anschließend wurde ihm die „Sonderaufgabe“ anvertraut.
Diese „Sonderaufgabe“ bestand im Folgenden: Im Rahmen der „Erwachseneneuthansie“ leistete Borm als Assistenzarzt in den Jahren 1940 bis 1941 in den Tötungsanstalten Sonnenstein/Pirna und Bernburg/Saale Beihilfe zum tausendfachen Mord an „Geisteskranken“. Bevor die zu „Euthanasie“ vorgesehenen Patienten in die als Duschraum getarnte Gaskammer geführt wurden, führte Borm neben den Anstaltsleitern der jeweiligen Tötungsanstalten die letzte „Untersuchung“ an den „Patienten“ durch. Diese „Untersuchung“ dauerte nur wenige Minuten und diente allein dem Zweck, eine naheliegende Todesursache zu ermitteln. Diese falschen Todesursachen teilte dann Kurt Borm unter falschem Namen in den sogenannten „Trostbriefen“ den Angehörigen der Opfer mit. Damit wirkte er sowohl an der Tötung der „Geisteskranken“ als auch an der Täuschung der Angehörigen der Getöteten mit.
Nach dem sogenannten „Euthansiestopp“ im August 1941 arbeitete Kurt Borm bis Kriegsende in der Zentralstelle der NS-„Euthanasie“. Hier war er für die Beschaffung von Medikamenten zuständig, mit denen die „Geisteskranken“ getötet werden sollten. Außerdem besuchte er mit anderen „Euthanasie-Ärzten“ die deutschen Heil- und Pflegeanstalten, um die sogenannten Arbeitsunfähigen auf ihre Arbeitsfähigkeit hin zu untersuchen. Die Arbeitsunfähigen wurden dann der „Euthansie“ zugeführt. Insofern hat Kurt Borm durch seine Mitarbeit in der „Euthnasie-Zentrale“ die Ermordung tausender Menschen weiterhin unterstützt.

Borm in Uetersen

Nach Kriegsende siedelte Kurt Borm mit seiner Ehefrau nach Uetersen über. Er ließ sich abermals internistisch ausbilden und war dann als Assistenzarzt im Städtischen Krankenhaus Uetersen tätig. Bald übernahm er die Leitung der Inneren Abteilung und wurde Medizinalrat. Nach Zeitzeugenberichten war Kurt Borm ein beliebter und angesehener Arzt in Uetersen.
Im Jahr 1962 wurde Borms NS-Vergangenheit durch die Frankfurter Justiz enthüllt. Der Uetersener Magistrat leitete daraufhin ein Dienstverfahren gegen Borm ein und verbot ihm die Durchführung der Dienstgeschäfte. Nachdem die Beteiligung Borms am Massenmord nicht mehr zu leugnen war, wurde er endgültig aus dem Dienst des Krankenhauses entlassen.
Nachdem Kurt Borm gegen Auflagen aus der kurzen Untersuchungshaft freigelassen wurde, ließ er sich als praktischer Arzt in Uetersen nieder und hatte nach Zeitzeugenberichten weiterhin „großen Zulauf“ von Patienten, die der offensichtlichen Beteiligung Kurt Borms am Massenmord zum Trotz nicht so recht daran glauben konnten.

Freispruch

Nachdem die Ermittlungen gegen Borm abgeschlossen waren, eröffnete das Frankfurter Schwurgericht Im Jahr 1971 den Prozess gegen ihn. Gegenstand der gerichtlichen Verhandlung war die Beteiligung Borms am Massenmord in den Tötungsanstalten Sonnenstein/Pirna und Bernburg/Saale in den Jahren 1940/41. Seine anschließende Mitarbeit in der „Euthanasie-Zentralle“ bis Kriegsende wurde hingegen nicht geahndet. Aus welchem Grund dies nicht geschah, geht aus der Urteilschrift des Frankfurter Schwurgerichtes nicht hervor.

 

Das Urteil und die Urteilsbegründung des Frankfurter Schurgerichtes sorgen aus heutiger demokratischer und rechtstaatlicher Sicht für Empörung und ungläubige Bestürzung: Kurt Borm wurde aus „mangelndem Unrechtsbewusstesein“ freigesprochen. Das Frankfurter Schwurgericht hielt ihm 1971/72 zugute, die Tat aus nationalsozialistischer Überzeugung heraus begangen und dabei kein schlechtes Gewissen gehabt zu haben.

Im Jahr 1974 wurde dieses Urteil zudem noch vom Bundesgerichtshof bestätigt. Dies markiert ein trauriges Kapitel in der Geschichte der bundesdeutschen Justiz.
Bemerkenswert ist zudem, dass Borm auch im Jahr 1986 kein Unrechtsbewusstsein entwickelt hatte. Als Zeuge in dem sogenannten „Dritten Ärzteprozess“ gegen andere ehemalige „Euthanasie-Ärzte“ sagte Kurt Borm aus, im Rahmen des „Euthanasieprogrammes“ seien „lediglich Geisteskranke eingeschläfert“ worden. Damit sprach Kurt Borm den „Geisteskranken“ immer noch das Recht auf Leben ab.

Quellen- und Literaturnachweis

1. Quellenverzeichnis

Bundesarchiv:
Urteilsschrift des Schwurgerichtes Frankfurt am Main vom 16. Dezember 1971 bis zum 6. Juni 1972, Bundesarchiv, Außenstelle Ludwigsburg, B 162/14506, S. 2.

Personenbezogene Unterlagen zu Kurt Borm wie die SS-Offiziersakte oder Unterlagen aus dem Rasse und Siedlungsamt des NS-Staates aus dem Berlin Documet Center mit folgenden Signaturen:

-  BA-RS (Berlin Document Center) 6005/0026/53.
-  BA Document Center/SSO 6400/0043/29.
-  BA-PK (Berlin Document Center) 1010/0004/60.

„Die Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik“ (BStU):

-  Schilderung des NS-Euthanasieprogramms: BStU, MfS HA IX/11 ZUV Nr. 45 Bd.1.
-  Akte betreffend den NS-Euthanasiearzt Dr. Otto Hebold: BStU, MfS HA IX/11 ZUV Nr. 45 Bd. 3.
-  Handschriftlich verfasste Zeugenaussage Dr. Otto Hebolds: BStU, MfS HA IX/11 ZUV Nr. 45 Bd. 5a.
-  Einige Blätter zum Revisionsverfahren zum 1. Frankfurter Euthanasieprozess von Dezember 1971 und Sammlung von Zeitungsartikeln : BStU, RHE 38/85 DDR.

„Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes“ (VVN) in Wedel von Marianne Wilke:

-  Flugblatt zum Aufruf zur Mahnwache aus dem Jahr 1986 aus


Presseberichte

Die Zeit:

-  vom 7. März 1986, „Humane Tötungsart“.
-  vom 18. April 1986, Morden und Heilen, Der NS-Arzt darf weiterhin praktizieren, verfasst von Ernst Klee.

Frankfurter Allgemeine Zeitung:

-  vom 22. März 1974, „Kein Unrechtsbewusstsein bei Euthanasie-Arzt“.
-  vom 10. Juni 1974, Offener Brief an Bundespräsident Dr. Gustav Heinemann.

Frankfurter Rundschau:

-  vom 11. April 1986, Früherer SS-Arzt Zeuge vor dem Schwurgericht, Großer Erinnerungslücken im Euthanasie-Prozeß.

Hamburger Abendblatt:

-  vom 19. Juni 1962, Mord-Anklage gegen SS-Arzt, In Uetersen verhaftet / Dienstverfahren wurde eingeleitet.
-  vom 9. Mai 1972, Sechs Jahre gefordert.

Hamburger Morgenpost:

-  vom 19. Juni 1962, Chefarzt unter Mordverdacht, War Dr. Borm an Euthanasie-Verbrechen beteiligt? – In Uetersen verhaftet.

Süddeutsche Zeitung:

-  vom 9. Mai 1986, Der Tod kam im weißen Kittel, Im Schwurgerichtssaal hören die vielen jungen Zuschauer Begriffe, die aus einer anderen Zeit stammen, wie zum Beispiel „Tötungsarzt“.
-  vom 22. März 1974, Ungeheuerliche Entschuldigung.

Uetersener Nachrichten:

-  vom 18. Juni 1962, Leitender Arzt verhaftet.
-  vom 19. Juni 1962, Verfahren wegen Euthanasie-Verbrechen?
-  vom 29. Juni 1962, An Massenmorden beteiligt?
-  vom 4. Juli 1962, Dr. Borm gegen Kaution aus der U-Haft freigelassen.
-  vom 7. Juli 1962, Dr. Schübbe Leitender Arzt im Krankenhaus.
-  vom 24. Juli 1962, Euthanasie-Arzt Heyde angeklagt, Hauptverhandlung in Limburg voraussichtlich im Spätherbst.
-  vom 7. Juni 1972, Uetersener Euthanasie-Arzt jetzt freigelassen, Frankfurter Schwurgericht hielt Dr. Borm fehlendes Unrechtsbewußtsein zugute.
-  vom 10. April 1986, Früher NS-Arzt aus Uetersen als Zeuge: Es waren völlig verblödete Geisteskranke.
-  vom 26. / 27. April 1986, Leserbrief von der Uetersenerin Maria Neumann.

Wedel-Schulauer Tageblatt:

-  vom 10. April 1986, Ehemaliger NS-Arzt aus Uetersen als Zeuge im Frankfurter Euthanasie-Prozeß: „Völlig verblödete Geisteskranke“.

Zeitzeugeninterviews

-  Antke Luetjens im Oktober 2009.
-  Erna Schütt im April 2010.
-  Henri Ossenbrüggen im September 2009.
-  Marianne Wilke im September 2009.


2. Literaturverzeichnis

Friedrich, Jörg, Die kalte Amnestie, NS-Täter in der Bundesrepublik, Berlin 2007.

Glienke, Stephan Alexander, Volker Paulmann, Joachim Perels (Hrsg.), Erfolgsgeschichte Bundesrepublik?, Die Nachkriegsgesellschaft im langen Schatten des Nationalsozialismus, Göttingen 2008.

Kasten, Bernd, „Das Ansehen des Landes Schleswig-Holstein“, Die Regierung von Hassel im Umgang mit Problemen der nationalsozialistischen Vergangenheit 1954-1961, in: Jessen-Klingenberg, Manfred (Hrsg.), Zeitgeschichte der Gesellschaft für Schleswig-Holsteinische Geschichte, Band 118, Neumünster 1993.

Klee, Ernst, Was sie taten-Was sie wurden, Ärzte, Juristen und andere Beteiligte am Kranken- oder Judenmord, Frankfurt am Main 1986.

Klee, Ernst, „Euthanasie“ im NS-Staat, Die „Vernichtung lebensunwerten Lebens“, 11. Auflage, Frankfurt am Main 2004.

Schildt, Axel, „Jetzt liegen alle großen Ordnungs- und Gesittungsmächte zerschlagen im Schutt“, Die öffentliche Auseinandersetzung mit dem „Dritten Reich“ in Schleswig-Holstein nach 1945 – unter besonderer Berücksichtigung von Stellungnahmen aus Evangelisch-lutherischen Kirche, in: Jessen-Klingenberg, Manfred (Hrsg.), Zeitgeschichte der Gesellschaft für Schleswig-Holsteinische Geschichte, Band 119, Neumünster 1994.

Schilter, Thomas, Unmenschliches Ermessen, Die nationalsozialistische „Euthanasie“-Tötungsanstalt Pirna Sonnenstein 1940/41, Leipzig 1999.

Vasold, Manfred, Medizin, in: Benz, Wolfgang, Hermann Graml, Hermann Weiß (Hrsg.), Enzyklopädie des Nationalsozialismus, München 1998.

Welzer, Harald, Das Interview als Artefakt, in: BIOS, Zeitschrift für Biographieforschung und Oral History 13 (2000). H.1.

Wermke, Matthias, Kathrin Kunkel-Razum, Werner Scholze-Stubenrecht (Hrsg.), Duden, Das Fremdwörterbuch, Mannheim 2007.

Wojak, Irmtrud, Fritz Bauer 1903-1968, Eine Biographie, München 2009.


3. Bildnachweise

Borms NS-Vergangenheit: Bundesarchiv Berlin
Borm in Uetersen: Archiv der Hamburger Morgenpost
Freispruch: Bundesarchiv Berlin Privatbesitz Marianne Wilke, Wedel

Inhaltsverzeichnis
I. Die NS-„Euthanasie“
II. Borms NS-Vergangenheit
III. Borm in Uetersen
IV. Freispruch
V. Quellen