Die Anschläge 1932

Im Jahre 1932 befanden sich die Nationalsozialisten auf dem Weg zur Macht, die sie am 30. Januar 1933 übernahmen. Bereits seit Beginn der 1930er Jahre kam es vermehrt zu gewaltsamen Auseinandersetzungen insbesondere zwischen Nationalsozialisten und Kommunisten. In der Nacht nach den Reichstagswahlen des 31. Juli 1932 wurden in mehreren Städten in Schleswig-Holstein Handgranatenanschläge verübt. Unter anderem auch in Pinneberg, Elmshorn, Barmstedt und Uetersen. Die rund 40 Täter waren allesamt Angehörige der SS. Die Sturmführer Wilhelm Grezesch, Willy Plähn, Horst Strathmann und Paul Moder, Letzterer war ab August 1932 Abgeordneter für die NSDAP im Reichstag, trafen sich am Tag vor der Wahl zu einer „Führerversammlung“ in Rendsburg. Moder erteilte dort den Befehl zur Ausführung der Anschläge.

In Uetersen und Pinneberg waren die Gebäude des „Konsum-, Bau- und Sparvereins Produktion“ die Ziele der Anschläge. Die Handgranaten wurden jeweils aus einem Auto geworfen und verfehlten ihr Ziel, sodass größerer Schaden an nebenstehenden Gebäuden entstand. Ähnlich verliefen die Anschläge in den übrigen Städten, in denen überwiegend Gaststätten angegriffen wurden. Die meisten Handgranaten waren Fehlzündungen, die Attentäter trafen nicht das gewünschte Ziel und zogen durch übertriebene Sicherheitsmaßnahmen die Aufmerksamkeit auf sich.
Abgesehen von zwei Tätern, die von Granatensplittern getroffen wurden gab es keine Verletzten. Sämtliche angegriffene Gaststätten waren „Verkehrslokale und Parteibüros der KPD“.

Motivation der „Bombenleger“

Als Begründung für ihre Tat gaben die Attentäter an, dass sie befürchteten, von Sozialdemokraten oder Kommunisten angegriffen zu werden. Eine Äußerung, die sich in den vorliegenden Akten findet, stammt aus einem Protokoll der „Führerversammlung“ in Rendsburg am 30. Juli, bei der auch die Haupttäter Moder, Grezesch, Plähn und Strathmann anwesend waren. Dort wurde der Entschluss verkündet, die Anschläge zu verüben, um sich gegen die politischen Gegner zu wehren, oder ihnen gar zuvor zu kommen, unabhängig davon, wie die Wahl ausfalle.

Begründet wurde dies damit, dass aufgrund des „bisherigen Verhalten[s] der gegnerischen Parteien zu befürchten sei [...], dass die Gegner sich mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln der Machtergreifung durch die NSDAP widersetzen würden.“

Ziel sei es gewesen, die Angehörigen des Reichsbanners und die Kommunisten auf die Straße zu locken und einen „kommunistischen Bürgerkrieg“ zu provozieren, der dann mit Hilfe der SS niedergeschlagen werden sollte. Folglich ging es nicht um Selbstschutz, sondern darum, die politischen Gegner zu reizen um diese dann mit Gewalt zur Ordnung anzuhalten.
Zusätzlich muss beachtet werden, dass es sich nicht nur um eine kleine Provokation, sondern um eine reichsweite Aktion handelte, da nicht nur in Schleswig-Holstein Anschläge geplant und ausgeführt wurden, sondern auch in anderen Teilen des Landes. Das Ziel, das die Entscheidungsträger verfolgten, war, politischen Terror auszuüben und die Demokratie zu destabilisieren.

Planerisches Desaster

Auf den ersten Blick wirkt die Planung ebenso wie die Ausführung der Anschläge stümperhaft. Auffällig sind die vielen Fehler, die den Attentätern unterliefen. Betrachtet man nun exemplarisch den Anschlag in Uetersen, dann wird dies deutlich. Bereits bevor die Täter aufbrachen, bekamen sie Bedenken.
Zeugen beobachteten einen Opel, der in der Nähe des Tatortes auffällig langsam fuhr; das Kennzeichen des Fahrzeuges wurde als unleserlich beschrieben, weiterhin fuhr das Auto ohne Rücklicht. Dass sich zur Tatzeit zahlreiche Passanten auf der Straße befanden, lässt sich dadurch erklären, dass bereits vor der Tat einigen Anwohnern bekannt war, dass etwas passieren würde. An dieser Stelle zeigt sich, dass die beteiligten Nationalsozialisten nicht in der Lage waren, die für ein solches Unterfangen notwendige Verschwiegenheit an den Tag zu legen.
Auch in den anderen Orten verlief nicht alles nach Plan: Die Täter trafen die falschen Häuser, zogen sich teilweise selber mehr oder minder schwere Verletzungen zu und wurden durch die „Vorsichtsmaßnahmen“, die zur Vertuschung dienen sollten, für etwaige Zeugen noch auffälliger. Der Verdacht fiel sofort auf Mitglieder der NSDAP, da ausnahmslos Einrichtungen der KPD oder der SPD angegriffen wurden. Auch an dieser Stelle zeigt sich, dass die Übergriffe zu offensichtlich waren und auch in der Planung die nötige Professionalität nicht gewährleistet war.
Die polizeilichen Ermittlungen waren für die nationalsozialistischen Terroristen folgenreich. Unter dem Gesichtspunkt, dass insgesamt 22 der ursprünglich 40 Angeklagten verurteilt wurden, kann man nur noch von einem planerischen Desaster sprechen.

Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Quellen:


Akten des Sondergerichtsverfahrens, LASH Abt. 358 Nr. 8385-8388

Akte der Regierung zu den Sprengstoffanschlägen, LASH Abt. 309 Nr. 22861

Akten des Oberpräsidiums betreffend Sprengstoffanschlägen, LASH Abt. 307 Nr. 4570

Elmshorner Zeitung, Die Sprengstoffanschläge in Schleswig-Holstein, 02. August 1932.

Elmshorner Zeitung, Schleswig-Holsteinische Attentate, 18. August 1932.

Uetersener Nachrichten, Der Amtliche Bericht zu den Handgranatenanschlägen, 02.August 1932.

Uetersener Nachrichten, Die Ermittlungen über die Handgranatenanschläge, 17. August 1932.


2. Literatur:


Bohn/Danker, „Standgericht der inneren Front“ Das Sondergericht Altona/Kiel 1932-1945, Hamburg 1998.

Bringmann/Diercks, Die Freiheit lebt! Antifaschistischer Widerstand und Naziterror in Elmshorn und Umgebung, Frankfurt am Main, 1983.

Seifert, Johannes, Pinneberg zur Zeit des Nationalsozialismus, Pinneberg 2000.

Will, Frank, Rechts-zwo-drei Nationalsozialismus im Kreis Pinneberg, Pinneberg 1993.


3. Bildnachweise

"Die Anschläge 1932": Landesarchiv Schleswig-Holstein
"Motivation der Bombenleger": Bayerische Staatsbibliothek München

Inhaltsverzeichnis
I. Die Anschläge 1932
II. Motivation der „Bombenleger“
III. Planerisches Desaster
IV. Quellen