„Rundfunkverbrechen“

Der Rundfunk war ein zentrales Instrument der NS-Propaganda. Um Gegenpropaganda des feindlichen Auslandes zu verhindern, welche nach Ansicht der Nationalsozialisten einen negativen Einfluss auf die deutsche Bevölkerung ausübte, galt es, diese auszuschalten. Zu diesem Zweck setzten die Nationalsozialisten sogenannte Störsender ein, die es fast unmöglich machten, Zusammenhängendes aus den „Schwarzsendern“ zu entnehmen. Diese Maßnahme allein wurde jedoch nicht als ausreichend erachtet und so wurde die genannte „Verordnung über außerordentliche Rundfunkmaßnahmen vom 1. September 1939“ erlassen. In ihr war festgeschrieben, dass man für das Abhören von Feindsendern mit Zuchthaus oder Gefängnis bestraft würde und für die Verbreitung von ausländischen Nachrichten mit Zuchthaus oder bei schweren Verbrechen sogar mit dem Tod.

Da üblicherweise das Abhören von „Feindnachrichten“ in den eigenen vier Wänden erfolgte, war die Strafverfolgung dieses Deliktes fast nur mit Hilfe von Denunzianten möglich. Auf Antrag der Geheimen Staatspolizei konnte dann eine juristische Ahndung des Falles durch die Sondergerichte erwirkt werden. Auffällig ist hierbei, dass die Intensität der Strafverfolgung während der Jahre 1939 bis 1945 stark variierte. Abhängig von den Vorgängen im Krieg und in der Außenpolitik wurden härtere oder schwächere Strafen verhängt, oftmals auch um Exempel zu statuieren oder zur Abschreckung.

Marie Lorenz

Am 13. September 1944 wurde Marie Lorenz, die unter dem Verdacht stand, Feindsender zu hören, erstmals von der Schutzpolizei vernommen. Sie wies zunächst den Vorwurf mit der Begründung zurück, dass sie sich überhaupt nicht über Politik oder Kriegsfragen unterhalte. Dennoch kann festgestellt werden, dass Marie Lorenz die ausländischen Nachrichten zwei Frauen und wahrscheinlich auch ihren Familienmitgliedern erzählt hatte. Dies reicht bereits aus, um Marie Lorenz als eine Person des Widerstandes zu bezeichnen. Denn dadurch, dass sie die Verordnung über außerordentliche Rundfunkmaßnahmen missachtet hatte, hatte sie eine Form von „gesellschaftlicher Verweigerung“ geleistet.

 

Der Umfang der verbreiteten Nachrichten war gering. Ihre Inhalte konnten jedoch für das Entstehen von Kritik an der NS-Politik in der Bevölkerung von großem Wert sein. Insbesondere von Personen, die aus deutlicher oppositioneller Haltung heraus handelten, konnten internationale Nachrichten mit entsprechenden Kommentaren dafür sorgen, dass der Nationalsozialismus infrage gestellt wurde.

Die Gestapo stufte allein die Wiedergabe und den Inhalt der Nachrichten als extrem gefährlich ein. Dabei war es zunächst einmal zweitrangig, ob die Tat möglicherweise politisch motiviert war oder ob andere Beweggründe eine Rolle gespielt hatten. Die Absicht des „Feindes“ bestand nach Ansicht der Nationalsozialisten darin, die „Widerstandskraft des Deutschen Volkes zu gefährden“.

Doch obwohl Marie Lorenz dem NS-Regime keinen wirklich Schaden zugefügt hatte, wurde sie hart bestraft. Dies mag vor allem daran liegen, dass in der Endphase des Dritten Reichs besonders harte Urteile gesprochen wurden, um die oppositionelle Bestrebungen im deutschen Volk sofort zu bekämpfen und nach wie vor den Glauben an einen Sieg aufrecht zu erhalten.

In diesem Zuge wurde auch Marie Lorenz am 25. Januar 1945 in Kiel zu einer Zuchthausstrafe verurteilt und ins Frauenzuchthaus in Lübeck-Lauerhof überführt.

Entschädigungsfrage nach 1945

Am 16. Mai 1945, also während der Zeit, als die Alliierten Deutschland bereits besetzt hatten, kam Marie Lorenz schließlich aus der Haft frei.

Ein Antrag auf Haftentschädigung erfolgte erstmals im Dezember 1949 bei dem Sonderhilfsausschuss des Kreises Pinneberg, welcher aber schon im Januar des Folgejahres abgewiesen wurde. Der Sonderhilfsausschuss begründete dies damit, dass Marie Lorenz‘ Tat nach der Präambel des Haftentschädigungsgesetzes [für das Land Schleswig-Holstein vom 4.7.1949] weder etwas mit dem Begriff „aus politischer Überzeugung, noch mit rassischer oder religiöser Weltanschauung“ zu tun habe.

Der Sonderhilfsausschuss konnte also angeblich keinen politischen Beweggrund bei Marie Lorenz zur Tat feststellen. Ähnlich urteilten die Berufungsinstanzen.

Unabhängig vom Aspekt der politischen Motive ist jedoch die Frage, ob Marie Lorenz nicht dennoch für die sechs Monate dauernde Freiheitsberaubung durch die Nationalsozialisten eine Entschädigung verdient hätte, eindeutig zu bejahen. Sie hätte zudem für die gesundheitlichen Schäden, die sie laut eigener Aussage durch die Haft davon getragen hatte, entschädigt werden müssen.

Quellen- und Literaturverzeichnis

1. Quellen aus dem Landesarchiv Schleswig-Holstein


Verfahren vor dem schleswig-holsteinischen Sondergericht von 1944-1945 gegen Marie Lorenz (Abt. 358 Nr. 7521).

Entschädigungsakte Marie Lorenz‘ von 1952 bis 1966 (Abt. 761 Nr. 23084).


2. Verwendete Literatur


Bohn, Robert, Uwe Danker (Hrsg.), Standgericht der inneren Front – Das Sondergericht Altona/Kiel 1932 – 1945, Hamburg 1998.

Hensle, Michael, “Rundfunkverbrechen“ vor nationalsozialistischen Sondergerichten, Eine vergleichende Untersuchung der Urteilspraxis in der Reichshauptstadt Berlin und der südbadischen Provinz, Dissertation, Berlin 2001.

Kershaw, Ian, „Widerstand ohne Volk?“, Dissens und Widerstand im Dritten Reich, in: Schmädeke, Jürgen, Peter Steinbach (Hrsg.), Der Widerstand gegen den Nationalsozialismus, Die deutsche Gesellschaft und der Widerstand gegen Hitler, München und Zürich 1985, S. 779 – 798.

Löwenthal, Richard, Widerstand im totalen Staat, in: Bracher, Karl Dietrich, Manfred Funke, Hans-Adolf Jacobsen (Hrsg.), Nationalsozialistische Diktatur 1933-1945, Eine Bilanz, Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung, Bd. 192, Bonn 1986, S 618 – 632.


3. Bildnachweise

Landesarchiv Schleswig-Hostein

Inhaltsverzeichnis
I. „Rundfunkverbrechen“
II. Marie Lorenz
III. Entschädigungsfrage nach 1945
IV. Quellen