Zwischen Verfolgung und Widerstand

2000 Konzentrationslager-Einweisungen und 1500 Tote – eine erschreckende Bilanz, an der erkennbar wird, wie geächtet die Zeugen Jehovas bei den Nationalsozialisten waren. Die „Internationale Bibelforscher-Vereinigung“ war schon während der Weimarer Republik den Anfeindungen völkischer Kreise ausgeliefert. Ab 1933 folgte die staatliche Verfolgung, weil die Zeugen Jehovas z.B. jegliche Art von Wehrdienst verweigerten. Die Verfolger sahen sie als ausländische, projüdische und pazifistische Vereinigung an.
Am 1. April 1935 wurde die IBV endgültig verboten. Dennoch gab es weiterhin private, aber geheime Treffen. Die Maßnahmen verschärften sich, bis 1936 ein „Sonderkommando“ der Gestapo eingesetzt wurde. Jede Handlung wurde nun als „staatsfeindlich“ angesehen und hart bestraft. Dennoch blieben viele Mitglieder ihrer Überzeugung treu.

Ermittlungen und Verurteilungen in Uetersen

Im August 1935 kam es in Uetersen zu Verhaftungen und Anklagen von sieben Personen. Wilhelmine Nickel, das Ehepaar David, Jenss und Tornow hatten bei regelmäßigen Treffen die Bibel erforscht. Kennengelernt hatten sie sich auf einer Versammlung der „Internationale Bibelforscher-Vereinigung“ (IBV). Nickel leitete diese Zusammenkünfte, da sie als getaufte „Zeugin Jehovas“ die einzig dazu Befugte war.
Das Ehepaar David wurde zu einer Geldstrafe von 150,- RM verurteilt. Sie galten als ungefährlich, da sie keine IBV-Mitglieder waren. Nickel wurde als „Hauptschuldige“ zu drei Monaten Haft verurteilt. Bei den Eheleuten Jenss und Tornow zeigte das Sondergericht Altona Milde: Sie wurden freigesprochen.

Die Standhaftigkeit von Wilhelmine Nickel

Wilhelmine Nickel war als einzige der sieben Angeklagten eine getaufte Zeugin Jehovas und somit Mitglied der „Internationale Bibelforscher-Vereinigung“. Und sie war durch und durch eine Zeugin Jehovas: Sie missionierte, hatte Kontakte zu anderen Zeugen Jehovas und ließ sich nicht von den Verboten der Regierung beeinflussen. Kurz: Ihre Aktivitäten als aktives Mitglied der IBV waren ihr wichtiger als ihr eigenes Leben, welches sie vermutlich sogar für ihren starken Glauben geopfert hätte.
Insgesamt wurde Nickel drei Mal verurteilt. 1935 zu drei Monaten, 1936 und 1938 jeweils zu fünf Monaten Haft. Während der Vernehmungen der Polizei versuchte sie stets, ihre Mitmenschen zu schützen.

Quellen- und Literaturverzeichnis

Literatur

Besier, Gerhard und Vollnhals, Clemens (Hrsg.), Repression und Selbstbehauptung – Die Zeugen Jehovas unter der NS- und der SED-Diktatur, Berlin 2003.

Bohn, Robert und Danker, Uwe, Standgericht der inneren Front – Das Sondergericht Altona/Kiel 1932-1945, Hamburg 1998.

Mehringer, Hartmut, Widerstand und Emigration - Das NS-Regime und seine Gegner, München 1997.

Quellen

Schleswig-Holsteinisches Landesarchiv, Abt. 358 / Nr. 8010, Nr. 8127; Abt. 761 / Nr. 8218.
(Sondergerichtsverfahren, Entschädigungsakte).


Bildnachweise

Landesarchiv Schleswig-Hostein

Inhaltsverzeichnis
I. Zwischen Verfolgung und Widerstand
II. Ermittlungen und Verurteilungen in Uetersen
III. Die Standhaftigkeit von Wilhelmine Nickel
IV. Quellen