Verfolgung von Sozialdemokraten

Als 1919 die erste deutsche Demokratie ausgerufen wurde, basierte sie auf keiner demokratisch geprägten Gesellschaft. Durch innenpolitische Unruhen war das Vertrauen der Bevölkerung in ihre demokratische Regierung zudem nur schwach ausgeprägt. Viele Bürger sahen in den politisch Linken die Hauptschuldigen für die Niederlage im Ersten Weltkrieg. So war die erste sozialdemokratisch geführte Regierung Deutschlands von vornherein auf eine harte Bewährungsprobe gestellt und auch den schnell folgenden anderen zumeist demokratischen Regierungen erging es nicht besser.
Diese Zeit der inneren Zerrissenheit nutzte eine neue Partei, die NSDAP, um durch gut organisierte Propaganda und Wahlversprechen, die direkt an den Interessen und Bedürfnissen der Bevölkerung ansetzten, immer mehr Wähler für sich zu gewinnen. Zu ihrer Propaganda gehörte vor allem auch die Kritik am demokratischen System sowie dessen scheinbarem Versagen. Am 4. Mai 1924 ließ sich die NSDAP zum ersten Mal bei einer Reichstagswahl aufstellen. Zwar war die Parteiarbeit in den kommenden Jahren u.a. durch ein Parteiverbot behindert, doch am 30. Januar 1933 gewann die NSDAP schließlich die Reichstagswahl. Im Folgenden ernannte Reichspräsident Hindenburg, den „Führer“ der NSDAP, Adolf Hitler, zum Reichskanzler und somit begann die nationalsozialistische Gewaltherrschaft.
Dem NS-Regime fielen viele unschuldige Menschen zum Opfer, die nicht den ideologischen oder politischen Vorstellungen der Machthaber entsprachen. Die NSDAP war nationalistisch und chauvinistisch geprägt und folgte in ihrem Aufbau dem ‚Führerprinzip‘. Das Ziel der NSDAP war es, eine Diktatur und eine „Volksgemeinschaft“, zu der nur Menschen mit einer „arischen“ Abstammung zählten, zu etablieren.
Mit ihre größten politischen Rivalen sahen die Nationalsozialisten in den Sozialdemokraten und den Kommunisten, da diese beiden Parteien vollkommen andere politische Grundsätze hatten.
Diese Gegensätze stellen die Ursache für die Verfolgung der Sozialdemokraten während der NS-Zeit dar. Auf Reichsebene hatten die Sozialdemokraten vor allem ab der ‚Machtergreifung‘ 1933 zu leiden, indem zunächst die sozialdemokratischen Politiker aus den Parlamenten verbannt wurden und die SPD im Juli 1933 schließlich ganz aufgelöst wurde. Doch auch einzelne Sozialdemokraten hatten unter dem NS-Regime zu leiden. Sie wurden verfolgt, bespitzelt, angeklagt, verhaftet und ermordet.

Wellenbrink als Bürgermeister

Der Sozialdemokrat Heinrich Wellenbrink wurde bei der am 16. März 1930 stattfindenden Wahl mit großer Mehrheit zum Bürgermeister Uetersens gewählt. Mit 2336 der 2578 Stimmen konnte er sich deutlich gegen seine politischen Konkurrenten durchsetzen. Bereits in den 1920er Jahren war er als Uetersener Beamter durch sein sozialpolitisches Interesse aufgefallen, welches sich während seiner Bürgermeisterschaft insbesondere in seinen Bemühungen, die Arbeitslosigkeit zu beseitigen und den Kindern von Arbeitslosen zu helfen, äußerte. Außerdem konnte während Wellenbrinks Bürgermeisterschaft mit dem Bau der Friedrich-Ebert-Schule begonnen werden.
Er ließ Straßen betonieren, den Hafen an der Pinnau ausbauen, um den Schiffsverkehr zu stärken und die Gasversorgung verbessern.

Diese Veränderungen und Bemühungen erhöhten den Lebenskomfort der Bewohner Uetersens trotz wirtschaftlich schwieriger Zeiten, sodass sich Wellenbrink offenbar schnell großer Beliebtheit in der Bevölkerung erfreuen konnte. Dies bestätigt auch die Darstellung Wellenbrinks in den „Uetersener Nachrichten“ zur Zeit seiner Bürgermeisterschaft. So wurden in den „Uetersener Nachrichten“ im Februar und März 1930 Wahlaufrufe von wirtschaftlichen Verbänden für Wellenbrink abgedruckt, in denen seine Wahl zum Bürgermeister empfohlen wurde. Auch die Berichterstattung in den folgenden drei Jahren ist durchweg positiv.

Amtsenthebung Wellenbrinks

Heinrich Wellenbrink musste am 25. März 1933 sein Amt als Bürgermeister niederlegen. Dies war eine Konsequenz der nationalsozialistischen „Gleichschaltung“, dem Vorgehen der NSDAP, um in allen Verwaltungs- und Regierungsämtern keine „Andersgesinnten“, sondern nur nationalsozialistisch orientierte Personen zu wissen. Zwar war Wellenbrink am 25. März vorerst nur beurlaubt worden, doch das am 7. April 1933 erlassene „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ verhinderte, dass Wellenbrink politisch tätig sein konnte, solange die Nationalsozialisten an der Macht waren.
Dieses Gesetz ermöglichte es den Nationalsozialisten, Andersgesinnte und „Fremdrassige“ aus dem öffentlichen Dienst zu entfernen. Da Wellenbrink seit 1922 Mitglied der SPD war, wurde er durch dieses Gesetz endgültig und unwiderruflich aus dem öffentlichen Dienst entfernt.
Aber bereits vor der Machtübernahme der Nationalsozialisten hatte Wellenbrink mit mehreren Versuchen, ihn seines Amtes zu entheben, zu kämpfen gehabt: So soll er sich im Laufe seiner Amtszeit „amtswidrig und pflichtvergessen“ verhalten haben.
Doch diese Vorwürfe erwiesen sich als haltlos. Die Anschuldigungsschrift klingt aus heutiger Sicht wie eine Auflistung nichtiger Lappalien. So wurde Wellenbrink zum Beispiel vorgeworfen, eine 'fremde' Frau in der Öffentlichkeit geküsst zu haben. Es erscheint so, als ob jemand wahllos in Wellenbrinks Leben nach Vorkommnissen gesucht hatte, die sich zu einer Anschuldigung ausweiten ließen. Dies ist besonders interessant, da das Verfahren von einem Uetersener Kommunalpolitiker, Willy Bauth, vorangetrieben wurde. Bauth stand in seiner politischen Orientierung der NSDAP sehr nahe und versuchte offenbar, seinem politischen Rivalen möglichst viel Schaden beizufügen.
In diesem Zusammenhang ist außerdem interessant, dass das Verfahren, dessen Ziel es ursprünglich war, Wellenbrink zu suspendieren, auch nach dessen Entlassung weitergeführt wurde. Ab 1933 versuchte man von nationalsozialistischer Seite Wellenbrink sein Ruhegehalt streitig zu machen, ihm also noch weiter zu schaden.

Aber dies äußerte sich nicht nur im Streit um das Geld. Obwohl Wellenbrink nach seiner Entlassung nach Bremen gezogen war und sich vorerst nicht weiter politisch betätigte, wurde er im September 1933 für einige Tage in Gestapo-Haft genommen, aus der er aber bald aufgrund mangelnder Beweise entlassen wurde.

Quellen- und Literaturverzeichnis

Gedruckte Quellen

Archiv der Uetersener Nachrichten

Tageszeitung Uetersener Nachrichten, 1. März 1930
Tageszeitung Uetersener Nachrichten, 8. März 1930
Tageszeitung Uetersener Nachrichten, 14. März 1930
Tageszeitung Uetersener Nachrichten, 15. März 1930
Tageszeitung Uetersener Nachrichten, 17. März 1930
Tageszeitung Uetersener Nachrichten, 18. März 1930
Tageszeitung Uetersener Nachrichten, 17. April 1930
Tageszeitung Uetersener Nachrichten, 19. Februar 1931
Tageszeitung Uetersener Nachrichten, 2. November 1931
Tageszeitung Uetersener Nachrichten, 3. November 1931
Tageszeitung Uetersener Nachrichten, 25. März 1933

Sowie alle Ausgaben der Uetersener Nachrichten vom 2. Januar 1930 bis zum 25. März 1933 zur Durchsicht.

Loewe, D. (Bearb.), Die Schleswig-Holsteinische Städteordnung, Berlin 1932

Ungedruckte Quellen

Bundesarchiv Berlin, ehem. BDC

NSDAP-Mitgliederkarte, Buchholz, Emil

Landesamt für Wiedergutmachung Bremen

Entschädigungsakte Heinrich Wellenbrink, (Abst. 4,54, Sig. 4,54-E 9685 )

Landesarchiv Nordrhein-Westfalen

Military Government of Germany Fragebogen für Heinrich Wellenbrink, 2. August 1946 (Abteilung Rheinland, Best. NW 1062 3618)

Landesarchiv Schleswig-Holstein


Durchführung des „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“, 1933-1934 (Abt. 320.12 Kreis Pinneberg Nr. 440)
Uetersen (Abt. 320.12 Kreis Pinneberg Nr. 18 F)
Uetersen (Abt. 320.12 Kreis Pinneberg Nr. 20 F)
Auflösung der Gemeindevertretungen, Berufung der Gemeindevorsteher, Beigeordneten und Schöffen (Abt. 320.12 Kreis Pinneberg Nr. 438)
Beschwerden gegen Entlassungen auf Grund des „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ (Abt. 320.12 Kreis Pinneberg Nr. 441)

Staatsarchiv Bremen

Meldebogen Heinrich Wellenbrink, 28. Mai 1947 (Akte 4,66-II. 1285) Literaturverzeichnis:
Bringmann, Fritz und Diercks, Herbert, Die Freiheit lebt!, Antifaschistischer Widerstand und Naziterror in Elmshorn und Umgebung 1933-1945, 702 Jahre Haft für Antifaschisten, Frankfurt am Main 1983

Mehringer, Hartmut, Widerstand und Emigration, Das NS-Regime und seine Gegner, München 1997

Mosler, Lothar (Hrsg.), Blickpunkt Uetersen, Geschichte und Geschichten, 1234 bis 1984, Uetersen 1985

Schubert, Christina und Chaim-Lev, Daliah, Die Uetersener Nachrichten – eine nationalsozialistische Zeitung?, in: Zankel, Sönke (Hrsg.) Uetersen und der Nationalsozialismus, Schüler der Ludwig-Meyn-Schule erforschen die Geschichte ihrer Stadt, Kiel 2009, S. 87-104

Schüler der Ludwig-Meyn Schule, Die nationalsozialistische Machtübernahme in Uetersen 1933, Eine Arbeit im Rahmen des Wettbewerbs „Nationalsozialismus im Alltag“, Uetersen 1981

Erdmann, Jobst, Uetersen von 1900 bis zur Gegenwart, Vorläufiger Bericht, Uetersen 1983

Benz, Wolfgang, Graml, Hermann, Weiß, Hermann (Hrsg.), Enzyklopädie des Nationalsozialismus, München 1998

Wildt, Michael, Geschichte des Nationalsozialismus, Göttingen 2008

Wirsching, Andreas, Die Weimarer Republik, Politik und Gesellschaft, München 2008

Fried, Johannes, Der Schleier der Erinnerung, Grundzüge einer historischen Memorik, München 2004.

Persönliche Mitteilungen

E-Mails von Astrid Geltmeier an Sönke Zankel am 15. Oktober 2008 sowie am 06. August 2009

Telefonat der Familie Wolf mit Sönke Zankel am 05. August 2010

Elektronische Ressourcen:

http://www.bpb.de/themen/YJWUL0,0,0,Kampf_um_die_Republik_1919_1923.html (entnommen am 18.08.2010).


Bildnachweise

Amtsenthebung Wellenbrinks; Privatbesitz Sybille Eickens, Bremen

Inhaltsverzeichnis
I. Verfolgung von Sozialdemokraten
II. Wellenbrink als Bürgermeister
III. Amtsenthebung Wellenbrinks
IV. Quellen